Wenn ich erzähle, dass ich gerne mit Altglas fotografiere, kommt manchmal eine typische Reaktion: „Altglas? Das, aus dem Container?“ Ganz so ist es natürlich nicht. Mit Altglas meine ich ältere Objektive – Fotolinsen, die teilweise viele Jahrzehnte alt sind und häufig ursprünglich für analoge Kameras gebaut wurden. Das Fotografieren mit solchen Objektiven wird oft auch als Altglas-Fotografie bezeichnet.
Viele dieser Objektive stammen aus einer Zeit, in der Optiken anders konstruiert und vergütet wurden als heute. Moderne Objektive sind häufig auf hohe Schärfe, guten Kontrast und die möglichst weitgehende Korrektur optischer Abbildungsfehler ausgelegt. Alte Objektive können dagegen Eigenheiten besitzen, die ihnen einen ganz eigenen Bildcharakter verleihen.
Für mich liegt ein wesentlicher Reiz von Altglas darin, dass viele dieser charakteristischen Bildeigenschaften bereits durch die jeweilige Optik entstehen.
Wie ich zur Altglas-Fotografie gekommen bin
Zur Altglas-Fotografie bin ich eher zufällig gekommen. Ein Freund aus der Bloggerszene betreibt einen experimentellen Fotoblog und zeigt dort regelmäßig Fotos, die mit alten Objektiven entstanden sind. Je mehr ich darüber gelesen habe, desto neugieriger wurde ich – also begann ich, mich selbst mit dem Thema zu beschäftigen.
Mein erstes Altglas war ein Domiplan 50 mm f/2.8. Schon bald folgten weitere Objektive, bis schließlich rund 60 alte Linsen in meinem Regal standen. Inzwischen habe ich meine Sammlung wieder reduziert und nutze heute noch etwa 25 bis 30 Altgläser.
Diese Objektive sind für mich kein Ersatz für moderne Optiken, sondern eine Ergänzung – eine Möglichkeit, mit unterschiedlichen Bildcharakteren zu experimentieren.
Warum mich Altglas so reizt
Altglas bedeutet für mich ein Stück „Back to the Roots“. Viele alte Objektive werden vollständig manuell bedient. Schärfe und Blende stelle ich dabei selbst ein, und auch der Bildaufbau entsteht ganz bewusst und Schritt für Schritt. Dadurch nehme ich mir automatisch mehr Zeit für ein Motiv.
Mich reizen außerdem die unterschiedlichen Bildcharaktere alter Objektive. Je nach Konstruktion, Vergütung, Blende und Aufnahmesituation können beispielsweise weichere Kontraste, Glow, besonderes Bokeh oder eine charakteristische Farbwiedergabe entstehen.
Ein paar typische Begriffe aus der Altglas-Fotografie:
- Vintage-Look – Eine Bezeichnung für einen Bildcharakter, der mit älteren Objektiven verbunden wird und sich beispielsweise durch weichere Kontraste, Glow oder eine besondere Farbwiedergabe zeigen kann.
- Glow – Eine weich leuchtende Wirkung um helle Bildbereiche, die bei manchen Objektiven besonders bei weit geöffneter Blende auftreten kann.
- Bokeh – Die ästhetische Wirkung der unscharfen Bildbereiche. Form und Charakter des Bokehs werden unter anderem von der optischen Konstruktion und der Blende beeinflusst.
- Swirly Bokeh – Eine wirbelartig erscheinende Unschärfe, die sich unter geeigneten Aufnahmebedingungen vor allem in den äußeren Bildbereichen zeigen kann. Bekannt ist dieser Effekt unter anderem vom Helios-44-2.
Altglas in der Praxis
Altglas ist kein einheitlicher Stil. Unterschiedliche Objektive können Motive auf ganz unterschiedliche Weise wiedergeben. Genau das macht den Reiz für mich aus.

Detailaufnahme mit dem Industar 50 mm f/2.8. Bei dieser Aufnahme wirkt das Objektiv auf mich ruhig, klar und etwas technischer als viele andere Altgläser.
Brennweite: 50 mm
Lichtstärke: f/2.8
Mein Eindruck: Ruhige, klare Darstellung mit etwas höherem Kontrast

Skulptur fotografiert mit dem Oreston 50 mm f/1.8 von Meyer-Optik Görlitz. Bei dieser Aufnahme gefallen mir besonders die weichen Übergänge zwischen Schärfe und Unschärfe.
Brennweite: 50 mm
Lichtstärke: f/1.8
Mein Eindruck: Sehr weiche Übergänge zwischen Schärfe und Unschärfe

Engelfigur fotografiert mit dem Helios-44-2 (58 mm f/2). Das Objektiv ist besonders für sein charakteristisches Swirly Bokeh bekannt.
Brennweite: 58 mm
Lichtstärke: f/2
Besonderheit: Bekannt für sein charakteristisches Swirly Bokeh
Das bekannte Swirly Bokeh des Helios-44-2 ist in diesem Foto nicht sichtbar. Wie deutlich dieser Effekt hervortritt, hängt stark von der Aufnahmesituation ab – unter anderem vom Hintergrund sowie von den Abständen zwischen Kamera, Motiv und Hintergrund.

Tulpe fotografiert mit meinem Ennagon 85 mm f/2.8, das ich als Projektorobjektiv verwende. Bei dieser Aufnahme gefällt mir besonders die sehr weiche, fast malerische Bildwirkung.
Brennweite: 85 mm
Lichtstärke: f/2.8
Verwendung: Projektorobjektiv
Mein Eindruck: Sehr weiche, fast malerische Bildwirkung

Tulpe fotografiert mit dem Helios-44M-4 (58 mm f/2). Bei meinen Aufnahmen empfinde ich diese Variante als etwas klarer und kontrastreicher als manche andere Helios-Version.
Brennweite: 58 mm
Lichtstärke: f/2
Mein Eindruck: Etwas klarer und kontrastreicher als manche andere Helios-Variante
Die Fotos wurden in Lightroom nur sehr zurückhaltend bearbeitet. Neben einem leichten Beschnitt und der Ausrichtung habe ich lediglich minimale Tonwertkorrekturen vorgenommen. Auf starke Eingriffe wie Klarheit, Struktur oder künstliche Schärfung habe ich bewusst verzichtet. So bleibt der jeweilige Bildcharakter der verwendeten Objektive möglichst deutlich erhalten.
Projektorobjektive
Neben klassischen Fotoobjektiven fotografiere ich auch mit Objektiven, die ursprünglich für Projektoren bestimmt waren. Da solche Objektive nicht für den direkten Einsatz an einer Fotokamera konstruiert wurden, ist für ihre Verwendung eine entsprechende Anpassung erforderlich.
Bei meinen Projektorobjektiven kommen dafür unter anderem passende Tuben und Fokussierungslösungen zum Einsatz. Einige dieser Teile stammen aus dem 3D-Drucker und ermöglichen es mir, die Objektive für die Fotografie nutzbar zu machen.
Viele meiner Projektorobjektive habe ich inzwischen mit einer passenden Lösung für Canon EOS versehen und kann sie dadurch an meinen Canon-Kameras verwenden.
Charakter statt Perfektion
Viele ältere Objektive weisen optische Eigenheiten auf, die bei modernen Konstruktionen häufig gezielt reduziert oder korrigiert werden. Gerade diese Eigenschaften können jedoch zu einem besonderen Bildcharakter beitragen.
Für mich ist Altglas deshalb keine Alternative zu modernen Objektiven, sondern eine Erweiterung meiner fotografischen Möglichkeiten.
Ein Blick zurück – und gleichzeitig nach vorn
Altglas bedeutet für mich nicht, in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Es ist vielmehr eine Möglichkeit, Fotografie bewusster zu erleben und mit unterschiedlichen Bildcharakteren zu experimentieren.
Manchmal lohnt es sich, einen Schritt zurückzugehen – zu älteren Objektiven, manueller Bedienung und einem etwas langsameren Fotografieren. Eine Auswahl meiner eigenen Altglas-Objektive stelle ich auf der Seite Meine Altglas-Objektive näher vor.
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